PaRIS: Was Patient:innen über die medizinische Grundversorgung sagen – und warum das für MPA wichtig ist.
Wie erleben Patient:innen ab 45 Jahren die medizinische Grundversorgung in der Schweiz? Wie sehr vertrauen Sie dem Gesundheitswesen und ihrer eigenen Fähigkeit zum Selbstmanagement? Wie empfinden sie ihre eigene Gesundheit? Die internationale Befragung PaRIS der OECD gibt darauf Antworten und erlaubt Vergleiche. Die Ergebnisse bestätigen die hohe Qualität der Schweizer Grundversorgung, zeigen aber auch klare Verbesserungsbereiche. Auch für medizinische Praxisassistent:innen liefern die Resultate wertvolle Hinweise.
Was ist PaRIS?
PaRIS (Patient-Reported Indicator Survey) ist die erste internationale Studie, die Gesundheitszustand und Versorgungserfahrungen von Patient:innen mit chronischen Erkrankungen vergleichbar erfasst. Zwischen 2023 und 2024 nahmen 107’000 Patient:innen ab 45 Jahren in 19 Ländern teil. Die Befragung kombinierte erstmals Antworten von Patient:innen mit einem Fragebogen, welche deren Praxen ausfüllten. In der Schweiz beteiligten sich über 4’000 Personen und 130 Arztpraxen aus allen Sprachregionen. Die Eidgenössische Qualitätskommission beauftragte Unisanté und die EQUAM Stiftung mit der Durchführung der Schweizer Teilstudie und einer anschliessende Auswertung und Diskussion mit wichtigen Akteuren.
Sehr gute Qualität – aber auch Verbesserungspotential
Die Resultate zeigen: Die medizinische Grundversorgung in der Schweiz ist im internationalen Vergleich von hoher Qualität. Bei sieben von zehn Schlüsselindikatoren erzielt die Schweiz Top-Werte. Das bestätigt die Qualität der tägliche Arbeit in den Arztpraxen und die Zusammenarbeit im Praxisteam.
Gleichzeitig zeigen sich aber auch Aspekte, welche Patient:innen kritischer einschätzen:
- der allgemeine Gesundheitszustand
- die Fähigkeit zum Selbstmanagement der eigenen Gesundheit
- das Vertrauen in das Gesundheitssystem
Diese Einschätzungen fallen in der Schweiz etwas tiefer aus als in vergleichbaren Ländern.
Ungleichheiten werden sichtbar
PaRIS macht Unterschiede deutlich, die auch im Praxisalltag manchmal spürbar sind:
- Geschlecht: Frauen berichten insgesamt von geringerem Wohlbefinden und weniger Vertrauen in das Gesundheitssystem
- Einkommen: Personen mit tieferem Einkommen geben häufiger einen fragileren Gesundheitszustand an
- Psychische Gesundheit: Betroffene erleben mehr Schwierigkeiten im Selbstmanagement
- Gesundheitskompetenz: Eine geringere Health Literacy – also die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen und für eigene Entscheidungen zu nutzen – geht mit negativeren Versorgungserfahrungen einher
Diese Ergebnisse zeigen, dass gute medizinische Versorgung nicht für alle Patient:innen gleich erlebbar ist. Für medizinische Praxisassistent:innen sind dies besonders relevante Hinweise, da sie im Praxisalltag oft früh wahrnehmen, wo Unsicherheiten, Überforderung oder Missverständnisse entstehen.
Gerade Patient:innen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz profitieren von klarer Sprache, strukturierter Information und der Möglichkeit, Rückfragen zu stellen. Auch kleine Interventionen – etwa das Zusammenfassen wichtiger Punkte oder das bewusste Nachfragen nach dem Verständnis – können entscheidend dazu beitragen, Selbstmanagement und Vertrauen zu stärken.
PaRIS macht damit sichtbar, was MPAs täglich erleben: Die Qualität der Versorgung hängt nicht nur von medizinischen Entscheidungen ab, sondern auch von Kommunikation, Orientierung und Beziehungsgestaltung im Praxisalltag.
Regionale Unterschiede im Praxisalltag
Die Studie zeigt auch klare regionale Unterschiede, insbesondere bei der Nutzung strukturierter Behandlungspläne und von Routinedaten zur Qualitätsverbesserung. In der Deutschschweiz geben rund 40 % der Arztpraxen an, strukturierte Behandlungspläne zu erstellen. In der Westschweiz und im Tessin liegt dieser Anteil hingegen bei lediglich etwa 10 %. Auch die Nutzung von Routinedaten zur systematischen Qualitätsverbesserung ist dort weniger verbreitet.
Diese Unterschiede lassen sich nicht allein medizinisch erklären. Vielmehr weisen sie auf Unterschiede in Praxisorganisation, Arbeitsprozessen und unterstützenden Strukturen hin.
Fünf prioritäre Handlungsschwerpunkte
Auf Basis der Ergebnisse fand Ende April 2025 ein nationaler Dialog mit zentralen Akteur:innen des Gesundheitswesens (Patient:innenvertretungen, Ärzteschaft, Versicherer, Behörden) statt. Daraus wurden fünf prioritäre Handlungsschwerpunkte definiert:
- Unterstützung des Selbstmanagements der Patient:innen
- Definition und verständliche Kommunikation von Behandlungsplänen
- Bereitstellung einfacher Instrumente zur besseren Datennutzung in Arztpraxen
- Förderung der Gesundheitskompetenz
- Stärkung des Vertrauens in das Gesundheitssystem
Diese Schwerpunkte betreffen den Praxisalltag und spiegeln viele Aufgaben wider, die medizinische Praxisassistent:innen bereits heute wahrnehmen. Selbstmanagement beginnt nicht erst im ärztlichen Gespräch, sondern bei der Terminvereinbarung, der Vorbereitung auf die Konsultation oder der Klärung von Rückfragen. Auch die verständliche Vermittlung von Behandlungsplänen wird im Alltag häufig durch MPAs unterstützt – sei es durch Erklärungen, das Einordnen von Informationen oder das Wiederholen zentraler Punkte.
Die bessere Nutzung von Daten in Arztpraxen ist ebenfalls eng mit Praxisstrukturen und Arbeitsprozessen verbunden. Klare Abläufe, saubere Dokumentation und ein gemeinsames Verständnis im Praxisteam tragen dazu bei, dass Informationen sinnvoll genutzt werden können – nicht als zusätzliche Belastung, sondern als Unterstützung für eine koordinierte Versorgung.
Besonders deutlich wird in den PaRIS-Ergebnissen die Bedeutung der Gesundheitskompetenz. Patient:innen, die Informationen besser verstehen und einordnen können, erleben ihre Versorgung ins gesamt positiver.
Fazit
PaRIS wird von der OECD alle drei Jahre wiederholt. Die Schweiz wird am nächsten Erhebungszyklus voraussichtlich nicht teilnehmen, da das Bundesamt für Gesundheit aufgrund budgetärer Einschränkungen auf eine erneute Beteiligung verzichtet.
Die Studie bestätigt die hohe Qualität der Schweizer Grundversorgung – macht aber zugleich deutlich, wie entscheidend Information, Orientierung und Unterstützung im Praxisalltag für die Patienenerfahrung sind. MPAs spielen dabei eine Schlüsselrolle.
Die Studie liefert Rückenwind und gibt Hinweise, wo allenfalls Prioritäten gesetzt werden können. Sie macht sichtbar, dass die tägliche Arbeit von MPAs einen zentralen Beitrag zur wahrgenommenen Qualität der Versorgung leistet – besonders für vulnerable Patient:innengruppen.
Mehr Informationen
Was nehme ich aus PaRIS mit?
- Die medizinische Grundversorgung in der Schweiz ist qualitativ sehr gut – Patientenerfahrungen hängen jedoch stark von Information, Orientierung und Kommunikation ab.
- Patient:innen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz, psychischen Belastungen oder sozialen Herausforderungen benötigen oft zusätzliche Unterstützung im Alltag.
- Klare Sprache, strukturierte Erklärungen und das bewusste Nachfragen nach dem Verständnis stärken Selbstmanagement und Vertrauen.
- Gute Versorgungsqualität entsteht nicht nur im Sprechzimmer, sondern auch durch Praxisorganisation, Vorbereitung und Nachbetreuung.
- Die tägliche Arbeit von MPAs leistet einen zentralen Beitrag zur wahrgenommenen Qualität der Versorgung – PaRIS macht diesen Beitrag sichtbar.




